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Der Thurgau ist ein Extremfall
Nirgendwo sonst in der Schweiz gibt es so viel mit Streptomycin belasteten Honig wie im Thurgau. Das liege an den speziellen Strukturen im Obstbau, wo das Antibiotikum eingesetzt wird, heisst es
im Kanton. Das sehen aber nicht alle so.
CHRISTOF WIDMER
FRAUENFELD. Die letzten Thurgauer Honigproben sind noch im Labor. Das gesamte Ausmass der Streptomycin-Belastung lässt sich aber schon jetzt abschätzen: Rund 9 Tonnen Thurgauer Honig dürfen nicht
in den Verkauf, weil zu viel vom Antibiotikum drin ist. Es stammt aus der Feuerbrandbekämpfung. Die Bienen haben es im Frühling auf den Obstblüten eingesammelt.
Der Thurgau ist jener Kanton, in dem mit Abstand am meisten Honig mit Streptomycin belastet ist. Zum Vergleich: Im Nachbar - Kanton Zürich musste gar kein Honig vernichtet werden. Im Kanton St.
Gallen überschritten zwei Honigproben den Grenzwert- sie stammen aus Steinach an der Grenze zum Thurgau. Insgesamt mussten im Nachbarkanton 160 Kilogramm Honig aus dem Verkehr gezogen
werden.
Dass ausgerechnet im Thurgau so viel Honig belastet ist, sei erklärbar, sagt Markus Harder, Chef des Thurgauer Landwirtschaftsamts: «In keinem anderen Kanton stehen die Tafelobstanlagen so
nahe beieinander.
Bienen haben keine Alternative
Streptomycin darf nur in solchen geschlossenen Intensivobstanlagen gesprüht werden. Und die stehen im Oberthurgau teils dicht an dicht. Dazwischen hat es höchstens Wiesen. Der Löwenzahn sei aber
zum kritischen Zeitpunkt verblüht gewesen, sagt Harder. Die Bienen hatten keine Alternative zu den Obstanlagen. Der belastete Honig wurde dann nicht mehr mit Honig aus anderen Blütenquellen
verdünnt.
Ins Bild passt, dass laut Harder westlich der Linie Münsterlingen- Berg-Sulgen kein belasteter Honig auftauchte. Betroffen vom Desaster ist einzig der Oberthurgau mit seinen vielen Intensivobst-
anlagen. Ähnliche Strukturen seien nur noch am deutschen Bodenseeufer anzutreffen, sagt Harder. Und dort müssen dieses Jahr ebenfalls gegen 9 Tonnen Honig vernichtet werden.
Dass die Struktur des Obstbaus Einfluss hat, bestätigen auch ausserkantonale Experten. Im Kanton Zürich konzentrierten sich die Anlagen nicht so stark wie im Thurgau, sagt Georg Feichtinger von
der Fachstelle Pflanzenschutz des Zürcher Kompetenzzentrums Strickhof. Pollenanalysen von 2009 hätten gezeigt, dass der Obstanteil im Zürcher Honig selten mehr als 20 Prozent betrage. Allenfalls
belastetes Material sei so schon im Bienenstock verdünnt worden.
Kritik aus St. Gallen
Nur die halbe Wahrheit ist das für Hans Oppliger von der Fach-Stelle Bienenhaltung im Landwirtschaftlichen Zentrum St. Gallen. Entscheidend sei vielmehr, zu welchen Zeiten das Antibiotikum gespritzt werde. Der Bund erlaubt den Streptomycin-Einsatz von 20 Uhr bis 8 Uhr. Die St. Galler Obstbauern seien aber angehalten, nur in den Abendstunden zu sprühen, sagt Oppliger. Nach Mitternacht sei Schluss. Denn werde das Mittel noch am frühen Morgen eingesetzt, landeten die Bienen auf den sprühnassen Blüten.
Der St. Galler Ansatz habe sich bewährt, sagt Oppliger. Er wisse von Bienenständen, die mitten in mit Streptomycin behandelten Obstanlagen stehen und wo der Honig trotzdem die Grenzwerte nicht überschritt.
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K r i t i s c h