Billig um jeden Preis

SonntagsZeitung 10/02/2013, Seite 57

Billig um jeden Preis

Verkaufspreise von Nutella und Nescafé liegen in der Schweiz teilweise unter dem Einstandspreis

VON NICOLE KIRCHER


ZÜRICH Der Preiskampf im Detailhandel treibt derzeit seltsame Blüten. Discounter verkaufen Umsatzrenner wie Nutella und Nescafé unter dem Einstandspreis. Dies gilt gemäss Gesetz als Lockvogelangebot und kann im Wiederholungsfall als unlauterer Wettbewerb angezeigt werden. Dem Gesetz zufolge handelt ein Anbieter unlauter, wenn er ausgewählte Waren wiederholt unter dem Einstandspreis anbietet, die Angebote in der Werbung besonders hervorhebt und damit den Kunden über die eigene oder die Leistungsfähigkeit von Mitbewerbern täuscht.

Ausgelöst wurde der Preisrutsch von Denner Anfang dieses Jahres. Statt wie bisher 3.45 Franken kostet Nutella im 450-GrammGlas beim Schweizer Discounter nur noch 2.95 Franken. Lidl verbilligte Nutella daraufhin noch einmal und verkauft ein Glas für 2.79 Franken. Auch bei Aldi, der ein grösseres Nutella-Glas im Sortiment hat, sank der Preis – umgerechnet – auf diesen Wert.

«Der Preis von 2.79 Franken ist tiefer als der Einstandspreis, den wir dem Schweizer Importeur bezahlen müssen», sagt Spar-Chef Stefan Leuthold gegenüber der SonntagsZeitung. Er ärgert sich über das Verhalten der Konkurrenz, will aber abwarten, wie sich die Situation weiterentwickelt. Auch die Grossverteiler Migros und Coop betonen, man beobachte die Situation.

Aldi und Lidl setzen auf Schweizer Produkte

Gemäss Denner-Sprecherin Paloma Martino importiert Denner den Brotaufstrich Nutella aus dem Ausland. Anders Lidl: «Wir beschaffen Nutella nicht durch Parallelimporte», sagt Sprecherin Cheryl Zwicker. Auch Migros und Coop lassen sich durch den offiziellen Schweizer Importeur beliefern. Bei Coop macht man sich offenbar Gedanken, dies zu ändern. Sprecherin Denise Stadler sagt: «Wir prüfen die Möglichkeit eines Parallelimportes genau.»

Einen eigentlichen Preissturz gab es in den letzten Wochen auch beiNescaféGold.Die200-GrammPackung im Glas kostete letztes Jahr bei Migros und Coop noch IMAGES knapp 15 Franken, bei den Discountern Denner, Aldi und Lidl fast 14 Franken. Anfang Jahr GETTY senkte Denner den Preis auf 11.90

FOTO: Franken. Lidl verbilligte die NescaféProdukte dann gleich zweimal und verkauft den Umsatzrenner aktuell für 11.49 Franken. Diese markante Senkung zeigt: Bisher liess es sich offenbar gut leben mit dem hohen Verkaufspreis in der Schweiz. Während Denner auch den Nescafé parallel aus Deutschland importiert, verkaufen Lidl und Aldi nach eigenen Aussagen das Schweizer Produkt.

Nescafé wird bei Coop und Spar günstiger

Auch der vergünstigte NescaféPreis liege inzwischen unter dem offiziellen Einstandspreis, heisst es in der Branche. Doch der Druck auf die Konkurrenz, den Dumpingpreis ebenfalls anzubieten, wächst: Ab Montag wird Nescafé bei Coop günstiger erhältlich sein, wie Sprecherin Stadler erklärt. Wie viel billiger, will Coop «aus Konkurrenzgründen» noch nicht preisgeben. In der Branche erwartet man einen Preis, der leicht unter dem Niveau der Migros liegen wird (siehe Tabelle). Auch bei Spar soll Nescafé ab übernächster Woche billiger werden.

Um ein Produkt billiger zu verkaufen, ist ein Parallelimport aber nicht immer die einfachste Lösung. Denner setzt zwar auf diesen Weg, aber gerade bei Nescafé müssen beim Import aus dem Ausland happige Zollkosten bezahlt werden. So fallen pro Kilogramm Nescafé 1.82 Franken Zollgebühren an, sagt Spar-Chef Leuthold.

Aldi setzt dagegen wie Lidl beim Nescafé auf Produkte aus Schweizer Produktion. «Die Zusammenarbeit mit unseren Lieferanten ist langfristig ausgelegt und auf eine strategische Partnerschaft ausgerichtet. Aus diesem Grund beziehen wir Nescafé Gold vom offiziellen Schweizer Produzenten», erklärt Aldi-Sprecher Philippe Vetterli. Vor allem aber dürfte dies bedeuten: Aldi will es sich mit Nestlé nicht verscherzen. Erst im November 2012 erlaubte es der Nahrungsmittelmulti, dass Aldi erste Nestlé-Artikel in seinen Schweizer Läden verkauft.

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