Vorsicht Weizen!

Quelle: Spuren Magazin für neues Bewusstsein

 

Vorsicht Weizen!
Als Nahrungsmittel ist Weizen von unserem Teller fast nicht mehr wegzudenken. Doch das einstige Wildgras hat in den Händen von Züchtern einen derartigen Wandel durchgemacht, dass es uns heute vielleicht mehr schadet als nützt.
Von William Davis MD

Was fällt Ihnen spontan ein zu dieser Beschreibung? Gesucht ist ein weit verbreitetes Lebensmittel, welches die meisten Leute täglich zu sich nehmen und das:

  • zu einer Steigerung der täglichen Kalorienzufuhr um 400 Einheiten führt
  • in seiner Wirkung auf das menschliche Hirn vergleichbar ist mit der Wirkung von Morphium
  • den Blutzuckerspiegel stärker anhebt als ein Schleckstängel
  • pro Jahr und Person in einer Menge von über sechzig Kilogramm verzehrt wird
  • in Verbindung gebracht wird mit der Zunahme von Diabetes Typus 1
  • die Resistenz von Insulin und Leptin fördert, was bekanntlich zu Fettleibigkeit führt
  • als einziges Grundnahrungsmittel eine spezifische Sterberate nachgewiesen bekommen hat


Falls Sie vermuten, beim gesuchten Nahrungsmittel handle es sich um Zucker oder um den an Fruchtzucker reichen Maissirup, sind Sie auf der rechten Fährte. Doch die richtige Antwort lautet anders. Der wahre Schuldige heisst: Triticum aestivum, also moderner Weizen.

Bitte beachten Sie, dass hier bewusst die Rede ist von «modernem Weizen». Ich würde behaupten, dass das Getreide, welches man uns heute verkauft, in so unterschiedlichen Erscheinungsformen wie Rosinenbrötchen, Vollkornbrot, Heidelbeer-Muffin, Pizzateig, -Ciabatta, Holzofenbrot und so weiter, nicht mehr Produkte desselben Weizens sind, mit dem unsere Grosseltern noch aufwuchsen. Das Korn ist nicht annähernd dasselbe.

Der moderne Weizen ist das Produkt von Tausenden genetischer Veränderungen durch Züchtung und Kreuzung, von teils groben und gelegentlich unvorstellbaren technischen Eingriffen zu einer Zeit, als es noch nicht die Möglichkeiten der Genmanipulation gab. Was dabei herauskam, ist eine ungemein ertragsreiche, kurzstielige Pflanze von rund einem halben Meter Höhe, die ungefähr noch so viel gemein hat mit dem Weizen, den unsere Vorfahren sich schmecken liessen, wie der Schimpanse mit dem Menschen, zu dem doch immerhin eine Deckungsgleichheit von 99 Prozent der Gene besteht. Ich bin mir sicher, dass es Ihnen nicht schwerfällt, den Unterschied von einem Prozent zu erkennen.

Den fürs Auge gut sichtbaren Unterschieden entsprechen die Unterschiede auf der biochemischen Struktur der beiden Pflanzen. Die Proteine des Gluten, des sogenannten Weizenklebers, unterscheiden sich beispielsweise erheblich von denen im Weizen vor, sagen wir, fünfzig Jahren. Dies scheint mir eine Erklärung dafür zu sein, warum wir in den vergangenen vierzig Jahren eine derart rasante Zunahme an Zöliakie zu verzeichnen haben. Die Zahl der mit einer Glutenallergie diagnostizierten Patienten hat sich in dem Zeitraum vervierfacht, und daneben gibt es einen markanten Anstieg an inneren Entzündungserkrankungen wie rheumatische Arthritis und Entzündungen der Darmschleimhaut. Wir Menschen haben uns in diesen paar Jahrzehnten kaum verändert, der Weizen, den wir konsumieren, jedoch ganz erheblich.

Weizenwampe

 

Wir alle kennen den Ausdruck «Bierbauch», und wir wissen, was wir uns darunter vorzustellen haben: eine hervorstehende Delle in Leibesmitte, die über den Gürtel hängt und gut sichtbar vom Bierkonsum ihres Eigners kündet. Doch vielleicht rührt der sogenannte Bierbauch weniger vom Alkoholkonsum als vom Verzehr der damit einhergehenden Bretzeln. Mir jedenfalls scheint das sehr wahrscheinlich. Eine Weizenwampe ist ein Gebilde, das sich aus der Mitte eines Menschen entwickelt, wenn dieser sich zu sehr dem Konsum von Weizenprodukten zuwendet, wenn man Cracker verzehrt, Brötchen, Waffeln, Kuchen, Gebäck, Nudeln, Spaghetti, Lasagne, Pizza und Frühstücksflocken.


Als Delle oder eher flach, haarig oder kahl, gespannt oder schlapp, gibt es die Weizenwampe in so vielen Ausführungen, wie es Menschen gibt, die darunter leiden. Millionen von Menschen haben eine Weizenwampe; die im Stoffwechsel liegenden Gründe sind stets die gleichen: Weizen enthält Amylopektin, eine Form von Zucker, die unseren Blutzuckerspiegel auf ungeahnte Höhen jagt. Allein der Genuss von zwei Scheiben Vollkorntoast kann den Blutzuckerspiegel stärker in die Höhe treiben als der Genuss von zwei Esslöffeln reinem Zucker. Das führt zu einer gesteigerten Bildung von Bauchfett, jener Art von Fettablagerung um die inneren Organe, die den idealen Nährboden bilden für Entzündungen aller Art. Diese wiederum sind Wegbereiter für Bluthochdruck, Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Krebs und weitere Gesundheitsstörungen.

Wer Weizen isst, ist dicker als Menschen, die keinen Weizen essen. Warum ist das so? Zu den Modifizierungen, welche der Weizen im Verlaufe der vergangenen fünfzig Jahre durchlief, gehört ein Umbau des weizenspezifischen Gliadin. Der Gehalt dieses Proteins wurde gesteigert, und es wurde in seiner Struktur so verändert, dass es zu einem starken Appetitanreger mutierte. Wer heute Weizen isst, will automatisch mehr davon – und mehr von allem, was damit einhergeht. Das resultiert in einem Überschuss durchschnittlich 400 Kalorien pro Tag, was eine Gewichtszunahme pro Jahr von nahezu 20 Kilogramm bedeutet. Dagegen kann man noch so lange trainieren und sich noch so viel anderes vom Mund fernhalten. Der Bauch schwillt an, und damit wachsen die Selbstvorwürfe wegen mangelnder Disziplin beim Essen und wegen mangelnder Bewegung.

Das alles führt zur Schlussfolgerung, dass der übersteigerte Weizenkonsum nicht bloss ein Faktor unter vielen ist für die stete Zunahme von Fettleibigkeit und Diabetes bei uns, sondern der bestimmende Faktor überhaupt. Das ist der Hintergrund für die wachsende Beliebtheit von Wellnessurlauben und Schönheitsfarmen, von Diäten und Schönheitsoperationen, bei denen überflüssiges Fett abgesaugt wird. Selbst moderne Athleten wie Sprinter, Basketball- und Fussballspieler haben heute wesentlich mehr auf den Rippen als Sportler früherer Generationen. Und wenn Sie das nächste Mal in einem Flugzeug neben einem übergewichtigen Menschen zu sitzen kommen und Ihnen auf Ihrem Normsitz der Platz ausgeht, so wissen Sie jetzt, wem oder was Sie das zu verdanken haben: Es ist der moderne Weizen.

Gewiss tragen überzuckerte Süssgetränke und eine sitzende Lebensweise das Ihre zur steten Verfettung unserer Gesellschaft bei. Doch für die überwältigende Mehrheit jener Menschen, die sich bewusst gesund ernähren und Junkfood aus dem Weg gehen, ist der wichtigste Auslöser für Übergewicht anderswo zu suchen: beim Weizen.

Und dabei geht es beileibe nicht bloss um Übergewicht. Der moderne Weizen enthält auch Komponenten, die zu Diabetes, Herzproblemen, neurologischen Ausfällen, einschliesslich Demenz und Inkontinenz, führen und zu einer Vielzahl von Hautproblemen, darunter Akne und Wundbrand – alles verborgen in diesem kleinen, feinen Croissant oder in der Scheibe Vollkornbrot, die Sie sich zum Frühstück genehmigen.

Obwohl die Gefahren einer Ernährungsweise, die schwergewichtig auf modernem Weizen basiert, offen zu Tage liegen, werden wir kontinuierlich mit Werbebotschaften eingedeckt, um noch mehr von dem Zeug zu essen. Die für Ernährungsfragen zuständige Regierungsstelle der USA, das Department of Health and Human Services, empfiehlt beispielsweise eine Ernährung, die zum grössten Teil aus Getreide besteht. Etliche nationale Vereinigungen, die sich der Prävention verschrieben haben, aber auch Produzentenverbände sekundieren der Staatsstelle und propagieren den Konsum von Vollkornprodukten.

Kinder werden darauf eingeschworen, anstelle von Fastfood zum Vorteil für ihre Gesundheit doch Vollkornbrot zu verzehren. So richtig in Schwung kam diese Vorliebe durch eine Gesundheitsparole, die ab Mitte des letzten Jahrhunderts ausgegeben wurde und eine Verminderung der Einnahme von Cholesterin und tierischem Fett forderte. Kohlenhydrate, insbesondere solche, die wir uns durch «diese gesunden Vollkornprodukte» zuführen, gelten seitdem als Gesundheitsträger schlechthin. Ohne es zu wissen noch zu wollen, wird dabei der Konsum der Samen jenes hochgradig manipulierten, ertragsreichen Pflanzenzwergs gefördert, dessen problematische Seiten so gut wie unbekannt sind.

Hungerfalle

 

Die Botschaft, wir sollten mehr gesunde Vollkornprodukte essen, hat uns, so meine ich, in einen auswegslosen Zyklus von Sättigung und Hunger getrieben: Trotz einer erheblichen Steigerung der Zufuhr an Kalorien entkommen wir dem Hungergefühl kaum je und haben uns eine nie da gewesene Welle von Fettleibigkeit und Diabetes eingehandelt. Und ja, freilich ist auf dem Gebiet noch ein Zuwachs zu verzeichnen: Die Pharmaindustrie schreibt bei den Medikamenten gegen Diabetes zweistellige Wachstumsraten, vom wachsenden Absatz der Medikamente gegen Bluthochdruck, Cholesterin und Arthritis ganz zu schweigen.

Ich bin daher der festen Überzeugung, dass ein umfassender Verzicht auf sämtliche Weizenprodukte eine gute Entscheidung ist, und zwar nicht bloss für Menschen, die an einer Gluten-allergie leiden, sondern für alle. Ich gebe diese Empfehlung aufgrund meiner Erfahrung als praktizierender Kardiologe mit mehreren tausend Patienten, die in meiner Präventionsklinik von mir direkt behandelt wurden oder die teilnahmen an einem Online-Programm zur Prävention und Behandlung von Herz-Kreislauf-Erkrankungen.

Die Ergebnisse können mit Fug und Recht als erstaunlich bezeichnet werden. Innert sechs Monaten kommt es zu einer Gewichtsreduktion von 12 bis 25 Kilogramm, selbst eine Reduktion von 30 Kilogramm kann es geben. Hinzu kommen Fälle, bei denen sich eine Diabetes zurückbildete, aber auch Ödeme, Sinusitis, Asthma, Reflux und Reizdarm wurden zum Verschwinden gebracht. Statt von ihren Leiden berichten die Patienten von einem Zuwachs an Energie, von Stimmungsaufhellungen und von besserem Schlaf. Die Leute fühlen sich besser, sie sehen besser aus, verzehren weniger Kalorien, verspüren weniger Hunger und sehen sich in die Lage versetzt, die Medikamente, die ihnen verschrieben wurden, abzusetzen. Und das alles bloss, weil sie eine Komponente aus ihrem Speiseplan gestrichen haben, ironischerweise ein Nahrungsmittel, von dem man ihnen sagte, sie sollten mehr davon zu sich nehmen.

Selbstversuch

 

Mir scheint, es ist unabdingbar, dass wir Weizen unverzüglich beiseite lassen. Hier geht es um nichts Geringeres, als ein Dogma der konventionellen Ernährungsregeln auf den Kopf zu stellen. Es werden Gefechte auf uns zukommen mit einer Nahrungsmittelindustrie, die um ihre Pfründe kämpft. Diese Kreise werden vor Empörung aufheulen und sich an ihre Positionen im Markt klammern, ganz wie es bereits die Tabakindustrie mit ihrer Lobby durchspielte, als es darum ging, deren Griff auf die Konsumenten zu lockern.

Sollte es Ihnen schwerfallen, mir die gesundheitlichen Vorteile einer weizenfreien Ernährungsweise abzunehmen, so möchte ich Sie einladen zu einem kleinen Experiment: Probieren Sie es doch für sich selber aus. Streichen Sie sämtliche Gerichte und Produkte, in denen Weizen vorkommt von Ihrem Speiseplan, und das tun Sie während vier Wochen. Einen Monat lang gibt es für Sie kein Brot, keine Croissants, keine Pizza, keine Brötchen, keinen Kuchen, keine Omeletten, keine Crêpe, keine Pasta, keine Frühstücksflocken. Aber auch auf alle Arten von Fertiggerichten, in denen sich Weizen verstecken könnte, werden Sie verzichten. Und vergessen Sie nicht, das Kleingedruckte auf den Verpackungen genau zu lesen, bevor Sie ein Fertiggericht kaufen, denn die Nahrungsmittelproduzenten lieben es, hier und dort ein wenig Weizen-Gliadin unterzubringen, um Ihren Appetit anzuregen.

Sie werden auf vieles verzichten, das ist mir durchaus bewusst. Doch es gibt auch eine Menge richtige, nährstoffreiche Lebensmittel und Gerichte, die Sie sich gönnen dürfen. Auf Sie warten Gemüse, Früchte, Nüsse, Käse und Milchprodukte, Fleisch, Fisch, Soya-Produkte, Hülsenfrüchte, feines Öl wie zum Beispiel Olivenöl, Avocado und selbst schwarze Schokolade. Sollten Sie nach vier Wochen feststellen, dass Sie eine neue geistige Klarheit gewonnen haben, dass Sie besser schlafen, nicht länger an Gelenkschmerzen leiden und frei sind von Bauchgrimmen, derweil der Hosenbund sich zu lockern beginnt – nun ja, es liegt an Ihnen.

Dr. William Davis lebt als praktizierender Arzt in Wisconsin, USA und ist der Autor von «Weizenwampe» (Goldmann Verlag, München 2013), das Mitte Januar als Taschenbuch erscheint. Seine Tipps zur Ernährung und weitere Erkenntnisse veröffentlicht er unter www.wheatbellyblog.com Übersetzung aus dem amerikanischen Englisch: MF

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AUCH DAS NOCH!
MF/ Fleisch und Zucker sind seit Längerem aus dem Speiseplan gestrichen, von den Milchprodukten fällt eins ums andere raus, nun kommt ein Njet für alles, was Weizen enthält, und das ist eine elend lange Liste … Ja, kann man denn bald gar nichts mehr bedenkenlos und mit Freude essen?
Fast scheint es so, doch beim Weizen bieten sich Alternativen an. Das Rad der Zeit lässt sich zurückdrehen, bis in die Tage, als der Mensch damit begann, erste Felder zu bestellen. Dank dem Einsatz von Archäologen, Pflanzenforschern und Bauern gibt es heute wieder jene Getreidesorten, mit denen alles begann: Einkorn, Emmer, Kamut. Diese langstieligen Urformen des Weizens enthalten gar kein oder wesentlich weniger Gluten. Sie werden seit Jahrtausenden von Menschen gegessen, wodurch sie vom Magen besser aufgenommen werden.
Die Grossbäckerei Hiestand führt in ihrem Sortiment ein Einkorn-Brot und die Migros-Bäckerei Jowa produziert ein bei der Kundschaft beliebtes Emmerbrot. Drei Mühlen in der Schweiz verkaufen Einkorn- und Emmermehl an die Konsumenten, daneben werden Spezialitäten wie Teigwaren, Bier und Schnaps hergestellt. Diese Produkte werden von Reformhäusern und Bioläden verkauft. Antonius Conte und Erica Bänziger haben mit dem Bildband «Ernte gut – Gespräch mit einem Landwirt» (Edition NaturKraftWerk) einen Demeterhof in Deutschland dokumentiert, wo die alten Getreidesorten heute angeboten werden.


Autor: William Davis MD | Profil