Darfs ein bisschen mehr Gift sein?

Jeanette Kuster am Sonntag den 17. März 2013

Mamablog_toy
Babys und Kleinkinder haben oft direkten Hautkontakt mit ihrem Spielzeug oder
nehmen es in den Mund. Trotzdem wurden die Schadstoffgrenzwerte für die Spiel-
sachen angehoben. (Foto: Flickr/Honza Soukup)

 

 

Sie sehen richtig süss aus, zum Reinbeissen. Und genau das tun die Kleinen auch: Sie stopfen sich die bunten Spielsachen erst einmal in den Mund, bevor sie sie auch mit Händen und Augen untersuchen. Leider nehmen sie dabei oft eine ungesunde Menge an Farbstoffen, Weichmachern und Schwermetallen auf. Und das wird sich in nächster Zeit nicht ändern, ganz im Gegenteil: Kommenden Juli tritt nämlich die neue EU-Spielzeugrichtilinie in Kraft, die die Grenzwerte für bestimmte Schwermetalle wie Blei, Arsen und Quecksilber deutlich anhebt.

 

Für Deutschland zum Beispiel bedeutet das, dass Spielzeug künftig 50 Prozent mehr Quecksilber, fast doppelt soviel Blei und nahezu viermal so viel Arsen beinhalten darf wie heute. Beim Schwermetall Antimon, laut internationalem Zentrum der Krebsforschung «möglicherweise krebserzeugend», ist neu sogar eine 22-mal höhere Dosis erlaubt. Unglaubliche Mengen, wenn man bedenkt, dass etwa Arsen nachweislich krebserregend wirkt und Blei die Hirnentwicklung stören kann. Die WHO hatte deshalb die Industrie dazu aufgefordert, solche Schadstoffe ganz aus Kinderspielzeug zu eliminieren. Und trotzdem gibt die EU den Spielzeugherstellern nun den Freipass dazu, weiterhin wacker Blei, Quecksilber und Co in ihre Produkte zu mischen.

 

Immerhin gibt es ein Land, das sich dagegen wehrt: Die deutsche Bundesregierung hat gegen die neue Spielzeugrichtlinie Klage eingereicht. Ein Urteil wird jedoch frühestens in einem Jahr erwartet – bis dahin dürfte bereits ganze Europa mit gesundheitsschädlichem Spielzeug eingedeckt worden sein. Selbstverständlich auch die Schweiz. Wir haben die neuen EU-Richtlinien inklusive höherer Grenzwerte in vorauseilendem Gehorsam nämlich bereits letzten Oktober übernommen, wie das Bundesamt für Gesundheit auf Anfrage bestätigt.

Dabei sah die Situation ja schon bisher nicht rosig aus. Spielsachen sind neben Textilien diejenigen Produkte, die im EU-Schnellmeldesystem «Rapex» für gefährliche Produkte am häufigsten auftauchen. Und auch die Stiftung Ökotest findet in jedem ihrer Spielzeug-Tests Unmengen an bedenklichen Stoffen. Und dies nicht etwa nur in Billigramsch aus China. Auch die Giraffe Sophie zum Beispiel, ein in Frankreich hergestellter Babyspielzeug-Topseller, wurde von Ökotest als «nicht verkehrsfähig» eingestuft und nach langem juristischem Hin und Her schliesslich vom Fabrikanten zurückgezogen und durch eine gesundheitsfreundlichere Variante ersetzt.

 

Und nun soll die leidliche Lage also noch einmal deutlich verschlechtert werden. Da läuft etwas ganz gewaltig schief. Die Industrie wird gehätschelt und unsere Kinder werden dafür erheblichen Gesundheitsrisiken ausgesetzt, ja sozusagen als Versuchskaninchen mit immer grösseren Mengen an Schadstoffen konfrontiert. Und in ein paar Jahren schauen wir dann, was dieser Feldversuch angerichtet hat? Nein danke.

 

Was also können wir Eltern und Konsumenten tun? Keine giftigen Spielsachen kaufen, klar. Was jedoch nicht immer umsetzbar ist, denn wie soll man ohne hauseigenes Versuchslabor erkennen, ob etwas schadstoffbelastet ist? Doch es gibt einige Tipps, die einem weiterhelfen. Da wäre erst einmal der Geruch: Was ungesund stinkt, ist es ganz offensichtlich auch. Auch von Spielsachen, die leicht abfärben, sollte man die Hände lassen – die Farbe enthält oft gesundheitsbelastende Bestandteile. Als nicht empfehlenswert gelten zudem Plastikteile aus PVC, da diese oft schädliche Weichmacher enthalten. Plastik wird mit Nummern deklariert, eine aufgedruckte 3 bedeutet, dass es sich um PVC handelt.

 

Orientierung bietet schliesslich auch das Label «GS»: Es besagt, dass der Hersteller sein Produkt von einer unabhängigen Prüfstelle hat untersuchen lassen.

 

Ganz wird man den gesundheitsgefährdenden Spielsachen auch mit all diesen Ratschlägen nicht ausweichen können. Darum wäre der einzige Weg vermutlich, dass sich alle Eltern, Grosseltern, Gottis und Göttis zusammentun und die Politiker mit ihrer geballten Kraft zum Umdenken und zur Erstellung neuer, deutlich strengerer Richtlinien bewegen. Denn die Industrie selber wird diesen Schritt nie freiwillig tun.