Sterben Bienen wegen Syngenta-Pestizid?


Greenpeace macht Syngenta für das weltweite Bienensterben mitverantwortlich und fordert ein Verbot eines umstrittenes Pestizids. Das sieht auch die EU so. Der Basler Agrar-Multi wehrt sich.

Syngentas Wachstumszahlen sind eindrücklich: Der Agrochemiekonzern konnte seinen Umsatz im Geschäftsjahr 2012 um 7 Prozent auf 14,2 Milliarden Dollar steigern. In den Industriestaaten betrug das Wachstum 8 Prozent, in den Schwellenländern sogar 11 Prozent. Das sind Rekordzahlen - und der Basler Konzern rechnet für 2013 mit ähnlichen Wachstumsraten. Exakte Zahlen zur Wertschöpfung einzelner Produkte gibt Syngenta auf Anfrage von 20 Minuten Online nicht preis. Doch der Anteil der Pflanzenschutzmittel am Gesamtumsatz liegt laut NZZ bei rund 70 Prozent. Dieser Milliardenmarkt ist nun gefährdet.

Denn so dynamisch das Wachstum und so rosig Zukunftsaussichten des Agrochemiekonzern auch sind, so harsch war in den vergangenen Jahren die Kritik am Basler Konzern. Am Mittwochmorgen bekletterten Aktivisten der Umweltschutzorganisation Greenpeace ein Syngenta-Gebäude in Basel, und brachten ein 20 auf 10 Meter grosses Plakat an, auf dem stand: «Syngenta Pesticides Kill Bees.»

EU ringt um Verbot

Greenpeace macht Syngenta mitverantwortlich für das weltweite Bienensterben. Pestizide des Agrochemie-Konzerns vergiften ganze Bienenvölker, so der Vorwurf. Insbesondere Thiamethoxam, das zur Saatgutbeizung eingesetzt oder direkt auf die Pflanze gesprüht wird, sei eines der «bienenschädlichsten» Mittel. Bereits eine geringe Dosis führt laut Greenpeace zu Flug- und Navigationsproblemen. Zudem sei die Fortpflanzungsfähigkeit reduziert und die Bienen seien anfälliger für Krankheiten.

Grundlage für die Anschuldigung bildet eine von der Umweltschutzorganisation verfasste Studie. Sukkurs erhält Greenpeace von der europäischen Behörde für Lebensmittelsicherheit (EFSA), die ebenfalls auf die Gefahren des Einsatzes von behandeltem Saatgut für Bienenvölker hingewiesen hat. Zwar gebe es noch viele Datenlücken, so EU-Gesundheitskommissar Tonio Borg, dennoch habe die Untersuchung «ziemlich klare» und «beunruhigende» Schlussfolgerungen ergeben über die Auswirkungen dieser Produkte auf Nektar, Pollen und aus Pflanzen austretendes Wasser.

Bundesrat hält sich vornehm zurück

Die EU-Kommission will deshalb die Wirkstoffe Thiamethoxam von Syngenta sowie Clothianidin und Imidacloprid von Bayer verbieten. Ein erster Versuch ist am erfolgreichen Lobbying der Multis in Brüssel gescheitert. Am 1. Juli wird abermals über ein Verbot befunden. In der Schweiz hält man sich derweil vornehm zurück. Zwar prüft das Bundesamt für Landwirtschaft (BLW), sich einem Verbot anzuschliessen. Der Bundesrat hält jedoch fest, dass die registrierten Bienenverluste vorwiegend Winterverluste sind und hauptsächlich durch Viren und die Varroamilbe verursacht werden.

Welche Konsequenz ein Verbot der umstrittenen Wirkstoffe für Syngenta haben könnte, ist schwierig zu sagen. «Das von der EU-Kommission vorgeschlagene Verbot von Thiamethoxam würde Umsatzeinbussen von weiter weniger als 1 Prozent des weltweiten Konzernumsatzes zur Folge haben», sagte ein Syngenta-Sprecher im Februar zur «Aargauer Zeitung». Validieren lässt sich diese Zahl freilich nicht - aber sie dürfte weit höher ausfallen. Greenpeace vermutet, dass Syngenta mit dem Pestizid gegen 10 Prozent des Gesamtumsatzes macht. Warum würde der Basler Konzern sonst so entschlossen gegen ein Verbot kämpfen?

Das «Versäumnis» von Greenpeace

Die Ursachen des weltweiten Bienensterbens sind noch nicht komplett erforscht. Neben Parasiten und Krankheiten, Klimawandel und dem Rückgang der natürlichen Lebensräume spielen Pestizide unbestritten eine wichtige Rolle. Das stellte ein Bericht des UN-Umweltprogramms UNEP von 2011 fest.

Im April und Mai 2008 starben in der Region Oberrhein in Baden-Württemberg zehntausende Bienenvölker. Verantwortlich dafür war das Insektizid Clothianidin von Bayer. Als Saatgutbehandlungsmittel wurde ein clothianidinhaltiges Mittel zusammen mit einem Haftmittel auf die Saatkörner aufgetragen und hätte bei der Maisaussaat direkt in den Boden gelangen sollen. Der für Bienen hochgiftige Wirkstoff wurde jedoch auf benachbarte Äcker geweht und dort von Bienen aufgenommen, die kurze Zeit später in Massen starben.

Syngenta teilt auf Anfrage von 20 Minuten Online schriftlich mit: «Greenpeace hat es versäumt, die wahren Gründe für den Rückgang der Bienenvölker zu adressieren. Dazu zählen Viren, Krankheiten sowie der Verlust von Lebensraum und Nahrungsquellen.» Zu den Ausführungen der EFSA und zur Greenpeace-Studie wollte Syngenta keine Stellung nehmen.



http://www.20min.ch/finance/news/story/11666168