Wut der Ohnmacht

20 Jahre Act Up: Wut der Ohnmacht

Von Marc Pitzke, New York

Öffentliche Demütigungen, langsames Sterben, einsame Tode: Vor 20 Jahren sagte die militante Aids-Aktivistengruppe Act Up der Ignoranz den Kampf an. Gründungsmitglied Eric Sawyer, selbst seit 1981 HIV-infiziert, ist einer der wenigen Überlebenden der frühen Jahre. Wut kocht noch immer in ihm.

 

New York - Den 18. Juli 1986 wird Eric Sawyer nie vergessen. Bei der Baseball-Meisterschaft schlugen die New York Yankees die Detroit Tigers. "Aliens" lief an und spielte gleich zehn Millionen Dollar ein. Sawyers Lebenspartner Scott Bernard starb an Aids. Es war ein Freitag.

 

 
Bernard, erst 30, starb gegen sieben Uhr früh, hilflos angeschnallt in seinem Sitz an Bord einer Linienmaschine auf dem Rollfeld des Flughafens O'Hare in Chicago. Passagiere und Crew weigerten sich aus Ekel, ihm zu helfen oder ihn auch nur zu berühren. Er erstickte.
 

Sawyer erfuhr es am Telefon. Es war der Moment, der sein Leben verändern würde - der Moment, in dem Schmerz zu Rage wurde und Angst zu eiserner Entschlossenheit. "Ich war so scheißwütend", erinnert er sich. "So wütend, dass ich keine Macht hatte. Dass ich unfähig war. Ich schwor mir: Genug. No fucking more!"

 

Sawyer, inzwischen 52 Jahre alt, hockt über einem grünen Tee in einem Loft in New Yorks Chinatown, wo er zu einem Fototermin verabredet ist. Die alte Wut bricht durch: Stirnadern treten hervor, Worte sprudeln. Es ist eine Wut, mit der er längst eins ist.

 

"Ihre Enkel feiern, als sei es 1979"

 

Wut als Lebenselixier: Acht Monate nach Bernards Tod gründete Sawyer gemeinsam mit dem Dramatiker Larry Kramer und ein paar Freunden die militante Aids-Aktivistengruppe Act Up, die mit spektakulären Aktionen gegen die Diskriminierung von HIV-Infizierten und hohe Medikamentenpreise kämpfte. Jetzt feiern sie ihr 20-jähriges Bestehen. Sawyer ist einer der wenigen Überlebenden von damals.

 

Doch er selbst sieht wenig Anlass zum Feiern. Schwulenhass, klagt Sawyer, schwele in den USA weiter, und in der jüngeren, unerfahrenen Generation explodierten die HIV-Infektionsraten wieder. "Die Kämpfer von früher aber hocken in ihren Sommerhäusern auf Fire Island, finanziert mit fetten Darlehen", schimpft er. "Und ihre Enkel feiern, als sei es 1979, und ficken in Sexclubs herum."

 

Man merkt Sawyer weder sein Alter an noch, dass auch er seit über einem Vierteljahrhundert HIV-infiziert ist - seit mindestens 1981 nämlich, als das noch als sicheres Todesurteil galt. Er ist durchtrainiert, sein Gesicht fast faltenfrei unter dem Silberhaar. Seine eisblauen Augen blitzen.

 

"Ich bin einer derjenigen, die am längsten mit der Krankheit überlebt haben", sagt Sawyer. Die meisten seiner alten Freunde sind lange tot. Er beugt sich vor und klopft auf den Parkettboden. "Toi, toi, toi - Glück gehabt."

 

Rätselhafter "Schwulenkrebs"

 

Es war vor allem jener Schwur nach dem Tod Bernards, der ihn am Leben hielt. Das war der Beginn eines lebenslangen Aids-Aktivismus. Der Beginn eines langen Kampfes um das eigene Leben und das Leben Millionen anderer - ein Kampf um erschwingliche Medikamente, gesellschaftliche Anerkennung, Gleichberechtigung, eine politische Lobby.

 

Geplant hat er seine Rolle als Aids-Ikone kaum. Sawyer wuchs in der Provinz nördlich New Yorks auf, ging in Colorado zur Uni, in Vorbereitung auf einen Wirtschaftsjob. 1980 zog er nach Manhattan, das Schwulenmekka. Er war 25.

 

Es war das "Jahr vor Aids". Vor den ersten Meldungen über diese mysteriöse Krankheit, die da noch keinen Namen hatte. New York und San Francisco waren die Zentren der US-Homosexuellenbewegung. Hier wurde nach Herzenslust gelebt, gefeiert, getanzt, gevögelt. Denn keiner ahnte, was auf sie zukam.

 

Ein Jahr nach seiner Ankunft in New York begann Sawyer unter den "wahrscheinlich ersten Symptomen von HIV" zu leiden: Herpes, Gürtelrose, Pilzinfektionen, geschwollene Lymphdrüsen, Lungenentzündung. An den Symptomen, die im Juni 1981 in einem ersten Bericht aufgeführt wurden, den die Gesundheitsbehörde Centers for Disease Control (CDC) zu dem rätselhaften "Schwulenkrebs" veröffentlichte. Dies war, auch wenn der Name erst später geprägt wurde, die offizielle Entdeckung von Aids - für die Welt und für Sawyer.

 

"Ich musste etwas tun"

 

1984 erkrankte Bernard. Er hatte Kaposi-Sarkom, kurz KS, eine Aids-typische Krebsart, die sich als Tumorknoten zeigt, im Gesicht, an den Armen, an den Beinen. Sawyer, der für eine Consulting-Firma arbeitete, und Bernard, ein Wall-Street-Anwalt, wurden auf der Straße angespuckt, aus Restaurants geschmissen. In der U-Bahn rückten die Leute von ihnen ab. Es war Sawyers erste Erfahrung mit der Diskriminierung von Aidskranken. Anfang 1985 bekam Sawyer selbst die Bestätigung per HIV-Test: Er war infiziert.

 

Bernards Zustand verschlechterte sich. Jeden Tag raste Sawyer in der Mittagspause nach Hause, um Bernards Erbrochenes aufzuwischen, die Windeln zu wechseln, den Antibiotika-Tropf zu erneuern. Wie bewältigt man selbst so etwas? Er stutzt, zieht eine Augenbraue hoch. "Es war wirklich schwer."

 

Nach Bernards Tod wurde Sawyer rastlos: "Ich musste etwas tun. Irgendetwas." Gemeinsam mit seinem Freund Larry Kramer - der 1981 Gay Men's Health Crisis (GMHC) gegründet hatte, die erste Aids-Organisation der USA - und ein paar weiteren Aktivisten bildete er im März 1987 eine radikale Aktivistengruppe, die sie später Act Up nannten (Aids Coalition to Unleash Power).

 

Das Privileg des Überlebens

 

Washington ignorierte Aids zu diesem Zeitpunkt völlig. Es gab keine Forschungsgelder, keine Anti-Diskriminierungsgesetze, keinen Kündigungsschutz für HIV-Infizierte, keinen Räumungsschutz für aidskranke Mieter, keine Vorstöße der Pharmaindustrie. "Unglaubliche Menschenrechtsverletzungen", sagt Sawyer.

 

Die Act Up-Kämpfer legten die Wall Street lahm. Ketteten sich an den Zaun des Weißen Hauses, flankierten Aids-Konferenzen mit medienwirksamen Aktionen. Sawyer gründete später die Splitterorganisation Housing Works, um Unterkünfte für Aidskranke zu finden.

 

Der Aktivismus maskierte stilles Leiden. Wie viele Infizierte entwickelte Sawyer widerwillig ein neues Verhältnis zu seinem Körper. "Auf einmal begann ich zu spüren, was tief in mir vorging. Und begann, darauf zu reagieren. Es war wie eine Unterhaltung mit mir selbst." Erst HIV, sagt er, habe ihn gelehrt, richtig zu leben.

 

Über seine Szene-Kontakte ergatterte Sawyer oft die allerneuesten HIV-Medikamente. Dank seines Jobs konnte er sich auch eine private Krankenversicherung leisten. "Ich habe überlebt, weil ich gute medizinische Versorgung hatte, weil ich Weißer bin, weil ich in den USA geboren wurde, weil ich versichert bin", sagt Sawyer. "Ich habe mir 25 Jahre Leben erkauft. Nicht viele hatten dieses Privileg."

 

Nervenlähmung und künstliche Hüfte

 

Act Up zerfiel schließlich am eigenen Erfolg. Sawyer vermisst die alten Zeiten. "Es gab eine Solidarität, eine gemeinsame Mission, die die schwule Szene heute nicht mehr kennt." Die Ballung von Ärger, Wut, Trauer, Kampfeslust, kreativem Potential: "Das war wie im Krieg."

Seinen privaten Krieg hat Sawyer freilich nicht aufgegeben. "Während ich meinen eigenen Kampf gegen HIV gewonnen habe", warnt er, "verlieren wir diesen Kampf auf globaler Ebene weiter." Was vor allem unter der jetzigen US-Regierung zutreffe, die viele Errungenschaften wieder gnadenlos zurückdrehe. "George W. Bush", sagt Sawyer und spuckt die Worte fast aus, mit angewidertem Gesicht. "Fuck Bush!"

 

 
Sawyer gibt College-Kids Aids-Nachhilfe, hält Vorträge, reist um die Welt. "Survival Guilt", nennt er das - das klassische Schuldgefühl von Überlebenden einer Katastrophe. "Ich könnte mir sonst doch nicht ins Gesicht sehen."

Sein Gesundheitszustand ist heute "relativ stabil". Sein Immunsystem hat sich berappelt, die Zahl seiner Helferzellen ist "zehnmal so hoch wie früher", das Virus im Blut nicht mehr nachweisbar. Dazu schluckt er aber weiter 20 Pillen am Tag. Die Nebenwirkungen nimmt er in Kauf: Arthritis und Neuropathie, eine Nervenlähmung. Auch hemmen die Medikamente die Blutzufuhr zu seinen Hüften, weswegen er nun eine künstliche Hüfte hat.

Sawyer steht auf und beginnt, für den Fotografen zu posieren. Er entblößt den Oberkörper, reckt die rechte Faust zur Kampfgeste hoch, wie damals vor der Börse, als sie noch alle gemeinsam standen. Und auf einmal ist sein sanftes Gesicht wieder eine wutverzerrte Fratze. Sein Mund formt die Worte: "Fuck! Fuck! Fuck!" Doch über seine Lippen, da kommt kein einziger Laut.