KMU werden nicht ernst genommen

SGZ- Nr 35-36 2011/09/02

Klaus J. Stöhlker* über das Gewerbe und das grosse Kapital
Klaus J. Stöhlker* über das Gewerbe und das grosse Kapital

KMU werden nicht ernst genommen


Erinnere ich mich daran, wie die grossen Industriellen der Schweiz vor Marcel Ospel, als er noch CEO und VR-Präsident des UBS-Konzerns war, den Bückling, den «grossen Diener» machten, einschliesslich unserer Bundesräte, die sich dazu nicht zu schade waren, sehe ich das Bild der wahren Macht in unserem Land vor mir.

Heute heissen die Chefs der beiden Grossbanken Oswald J. Grübel und Brady Dougan, aber die Verhältnisse haben sich nicht geändert, auch wenn der eine Deutscher und der andere Amerikaner, Wochenaufenthalter in Erlenbach/ZH, ist.

Das grosse Kapital fasziniert die Menschen und die Medien. Wenn ein Alt-Bundesrat Kaspar Villiger sich zum VR-Präsidenten des UBS-Kon- zerns wählen lässt, wo er Jahresbezüge von über fünf Millionen Franken bezieht, dann klopfen die Herzen der einfachen Eidgenossen. «Wir» sind es, die letztlich noch die grösste Bank der Schweiz führen, obwohl deren Aktionäre zu vier Fünfteln Ausländer sind. Aus der alten Schweizerischen Kreditanstalt, die einst mit Kapital aus Dresden gegründet wurde, ist eine globalisierte Credit Suisse geworden, wo Schweizer Kapital keine Rolle mehr spielt.

Die Schweizer Grossmedien sind fasziniert von diesen Konzernen, von denen sich die 67 grössten des Landes, so Kaspar Villiger, mehrheit- lich in ausländischen Händen befinden. Eine Kühne + Nagel International ist so wenig schweizerisch wie es eine Geberit ist, der Rest ist Folklore.
Das Schweizer Gewerbe, 95 Prozent aller Unternehmen, 98 Prozent aller Mitarbeiter, hat dem gegenüber einen schweren Stand. Es teilt sich auf in wenige Betriebe, die in der Globalisierung kämpfend überleben, wie viele Zulieferer und Dienstleister, aber auch in eine Mehrheit, die sich unter dem Druck der Konzerne und der Stärke des Schweizerfrankens, die den Banken zugutekommt, oft als Verlierer fühlt.

Die Schweizer Medien bewundern nur die Helden der Globalisierung. Wer sich in Brasilien und China bewährt, ist ein grossartiger Unternehmer, wer im Thurgau oder im Berner Oberland erfolgreich ist, wird nicht zur Kenntnis genommen. Mein Innenarchitekt, ein Berner, rüstete auch die Paläste von Saddam Hussein aus; er sagte es mir nur flüsternd. Der meinen Zivilschutzkeller ausrüstete, hat auch Muammar Ghadhafi beliefert; er hüstelt dies nur noch. Dem Gewerbe fehlt das Selbstvertrauen; ein Ulrich Giezendanner und ein Otto Ineichen machen noch keinen Weltkonzern. Klein- und Mittelunternehmer erbringen höchste Leistun- gen, werden aber nicht ernst genommen. Woran liegt das?

Im Gegensatz zu Sergio Marchionne, wohnhaft in Zug, der jeden Zulieferer zur Marionette macht, suchen die KMU-Unternehmer ängstlich um Anerkennung, haben nicht Mut und «chuzpe», ihre Leistung zu zeigen, und reagieren wie rasend, wenn sie sich gefährdet sehen. Es fehlt die Perspektive.

Konzerne haben den langen Atem, kleine Unternehmer denken nur an die Abendkasse. Konzerne gehen dauerhaft auf Politiker zu, Freunde gewissermassen. Das Gewerbe fiebert, ist es einmal im Bundeshaus zu Gast. Soll die Schweiz nicht ganz an die grossen Kapitalisten der ganzen Welt verkauft werden, muss das Gewerbe zusammen mit den KMU seine Kraft zeigen. Die Schweiz ist nicht eine Filiale von UBS, Credit Suisse, Nestlé und Glencore, sie ist das Land der Schweizer und ihrer Firmen und manchmal auch ihrer Politik.

Deshalb sollten die Schweizer Medien diese Befindlichkeit ernst nehmen. Wenn Ringier von deutschen Journalisten redigiert wird, der deutsche Axel Springer Verlag «Bilanz» und «Handelszeitung», aber auch den «Beobachter» bestimmt, dann müssen die Schweizer Gewerbebetriebe sich fragen, wer ihre Interessen vertritt.
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Die Tribüne-Autoren geben ihre eigene Meinung wieder; diese muss sich nicht mit jener des sgv decken.

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