Energie:

 

Etikettenschwindel (Quelle KTIP 9/2001)

 

Ökostrom Konsumenten- und Umwelt schützer üben scharfe Kritik an neuen Gütezeichen

Grüner Strom ist auf dem Vormarsch. Seit kurzem gibts ihn auch mit «naturemade»-Gütesiegel. Doch Kritiker sprechen von «Irreführung der Konsumentinnen und Konsumenten».

Gery Schwager gschwager@ktipp.ch

Heini Glauser nimmt kein Blatt vor den Mund: «Wasserkraftstrom ist nicht automatisch ökologisch produzierter Strom. Wer diesen Anschein erweckt, betreibt schlicht Etikettenschwindel.»

Der Ärger des Greenpeace-Präsidenten und Stiftungsrats der Schweizerischen Energie-Stiftung (SES) entzündet sich an den «naturemade»-Labels, mit denen diverse Elektrizitätsproduzenten und -lieferanten seit ein paar Monaten Teile ihres Angebots zieren. Sie zielen damit auf einen Kundenkreis, für den die Umweltverträglichkeit eines Produkts beim Kaufentscheid eine zentrale Rolle spielt.

Herausgeber der «naturemade»-Gütezeichen ist der Verein für umweltgerechte Elektrizität (VUE). Er zertifiziert und kontrolliert Stromprodukte und -produktionsanlagen nach klar definierten Kriterien. In seinem Vorstand sind neben der Elektrizitätswirtschaft auch der WWF Schweiz, Pro Natura und das Konsumentenforum vertreten. Doch die breite Zusammensetzung hat ihren Preis. Um allen Interessen gerecht zu werden, vergibt der VUE statt eines einzigen strengen Labels für grünen Strom nämlich zwei abgestufte Gütesiegel: das Label «star» für Ökostrom im engeren Sinn und das Label «basic» für Strom, dessen «Besonderheit» im Wesentlichen darin besteht, dass er aus Wasserkraft stammt.

Optisch unterscheiden sich die beiden Labels nur leicht. Und das treibt rigorose Umwelt- und Konsumentenschützer erst recht auf die Palme. «Unserer Ansicht nach grenzt das an Täuschung der Konsumentinnen und Konsumenten», kritisiert Eric Send von der Stiftung für Konsumentenschutz.

Diesem Urteil schliesst sich Heini Glauser an. Er fürchtet, dass wegen der Ähnlichkeit der beiden Labels viele Leute glauben könnten, mit dem Kauf von «naturemade»-Strom stets garantiert ökologisch produzierte Elektrizität zu beziehen.

Bezüglich «basic»-Strom sei das aber ein Trugschluss: «Wasserkraft darf doch nicht einfach tel quel einen ökologischen Heiligenschein erhalten», zieht der Greenpeace-Präsident vom Leder und verweist auf diverse mögliche Umweltschäden durch Wasserkraftwerke.

Speicherbetrieb zum Beispiel könne offenbar das ökologische Gleichgewicht ganzer Seen empfindlich stören: Feiner Gesteinsstaub trübe das Wasser immer stärker, was möglicherweise schwere Folgen für die Fischbestände zeitige. «Erste zaghafte Untersuchungen zu dieser Problematik laufen zurzeit im Brienzersee», so Glauser.

Als Ursache der Seetrübung stehen unter anderem die Grimselstrom-Anlagen der Kraftwerke Oberhasli AG im Verdacht - die alle das Gütezeichen «naturemade basic» tragen.

Doch beim VUE verteidigt man die Strategie der zwei Labels. Geschäftsleiterin Cornelia Brandes: «Wenn wir nur eine strenge Qualitätsstufe angeboten hätten, wären Konkurrenten sofort mit einem zweiten, weniger strengen Label auf den Markt getreten.» Und dieses Label hätte dann - im Unterschied zum «basic»-Gütesiegel - kaum Auflagen zur Förderung von Ökostrom formuliert.

Zudem: «Mit einem einzigen strengen Qualitätslabel würde der Ökostrom ein Nischendasein fristen und die grossen Energieproduzenten kaum interessieren», ergänzt Silva Semadeni, die für Pro Natura im VUE-Vorstand sitzt. Das sieht auch Rolf Wüstenhagen, Dozent am Institut für Wirtschaft und Ökologie der Universität St. Gallen, so: Ein einziges strenges Ökostrom-Label hätte «nur die ohnehin schon Bekehrten erreicht».

«Sanfte Renovation» des Labels angekündigt

Mehr Verständnis zeigt der VUE für die Kritik an der optischen Ähnlichkeit der beiden «naturemade»-Gütesiegel - zumal selbst einzelne Elektrizitätsunternehmen die Verwechslungsgefahr monieren: «Wir arbeiten vorerst nur mit dem ?star?-Label. Die Einführung eines ?basic?-Produkts haben wir bewusst verschoben, um die im Markt drohende Verwirrung zu begrenzen», sagt Johannes Schimmel von der Swiss Citypower AG.

Der VUE will daher einlenken: «Eine sanfte Renovation des Logos ist in die Wege geleitet», verrät Silva Semadeni. Bereits ab diesem Sommer sollen sich die beiden Gütezeichen stärker unterscheiden.

Heini Glauser wird dies freuen. Allerdings ortet der Greenpeace-Präsident bei «naturemade» weitere Mängel: «Der VUE schreibt nicht vor, um wie viele Rappen pro Kilowattstunde (kWh) der "basic"-Strom maximal teurer sein darf als gewöhnliche Elektrizität.» 1 bis 2 Rappen pro kWh müssten eigentlich genügen, «um die bescheidenen ökologischen Auflagen zu erfüllen», rechnet Glauser vor. Bei einem höheren Aufpreis bestehe die Gefahr, dass das Elektrizitätsunternehmen einen Teil des Ertrags zur Verbilligung von Atomstrom verwenden könnte. Aus diesem Grund schliesst das deutsche Grüner-Strom-Label zum Beispiel Unternehmen, die Atomstrom im Angebot haben, explizit aus.

Doch Franco Milani, Marketingleiter der Rätia Energie AG, winkt ab. Rätia Energie verkauft «basic»-Strom mit einem Aufpreis von 5 Rappen pro kWh. Damit könne das Unternehmen höchstens jene Kosten decken, die aus der Anwendung des «naturemade»-Labels resultierten. «Finanziell bewegen sich unsere grünen Produkte sicher nicht in der Gewinnzone», so Milani. Deshalb seien auch Quersubventionen «völlig ausgeschlossen».

Den Verdacht, über (zu) teuer verkauften «naturemade»-Strom Atomenergie zu subventionieren, weisen alle anderen Elektrizitätsanbieter, die mit den neuen Labels arbeiten, ebenfalls von sich. Silva Semadeni vom VUE-Vorstand räumt aber ein, dass solche Praktiken zumindest theoretisch möglich wären. «Wir empfehlen daher den Lizenznehmern, ihre Preisbildung für "naturemade"-Strom offen zu legen.»

Der Schweiz droht ein Wirrwarr von Strom-Labels

Ob das genügt, um kritische Konsumenten zufrieden zu stellen, wird sich zeigen. Auf Skepsis stösst «naturemade» aber auch bei Teilen der Strombranche. Namhafte Unternehmen wie Axpo, Atel und SN Energie haben nämlich beschlossen, ihren Strom aus erneuerbaren Quellen vom TÜV Süddeutschland und nicht vom VUE zertifizieren zu lassen. Hauptgrund: «Die TÜV-Labels sind stark verbreitet und auch im Ausland anerkannt», so Atel-Pressechef Rolf Schmid. «Diese Voraussetzung erfüllt "naturemade" nicht.»

Silva Semadeni gibt sich unbeeindruckt und verweist auf grosse Produzenten wie Rätia Energie, Kraftwerke Oberhasli, BKW FMB Energie und Elektrizitätswerk der Stadt Zürich, die auf «naturemade» setzen. «Die Zukunft wird ?naturemade? gehören», ist sie überzeugt - während es bei der Axpo heisst: «Wir schätzen die Chance, dass sich der TÜV im europäischen Raum durchsetzen wird, als sehr hoch ein.»

Damit gilt einmal mehr: Der Label-Salat ist angerichtet.

So fördern Sie Ökostrom

Sie möchten Strom aus Sonne, Wind, Biomasse oder ökologisch besonders fortschrittlichen Wasserkraftwerken unterstützen?

- Erkundigen Sie sich beim örtlichen Elektrizitätsversorger nach Ökostrom. In der Schweiz bieten bereits 106 Elektrizitätsunternehmen Solar- oder anderen Ökostrom an. Nach Ihrem Kauf fliesst aber nicht reiner Ökostrom aus Ihrer Steckdose. Vielmehr verpflichten Sie Ihr Elektrizitätswerk, Ökostrom im entsprechenden Umfang in sein Netz einzuspeisen.

- Für reinen Solarstrom aus neuen Anlagen sind nach Angaben von Experten Preise zwischen Fr. 1.- und 1.60 pro Kilowattstunde (kWh) gerechtfertigt. Ist Ihnen das zu teuer, können Sie auch nur für einen Teil Ihres Bedarfs Ökostrom beziehen und für den Rest «gewöhnlichen» Strom zu rund 20 Rp./kWh.

- Falls Ihr lokaler Versorger keinen grünen Strom anbietet, können Sie den Aufpreis, den Sie für Ökostrom zu bezahlen bereit wären, direkt einem ökologischen Stromproduzenten zukommen lassen - zum Beispiel einer Solar- oder Windstromgenossenschaft.

Adressen und Infos zu Ökostrom im Internet:

  • www.energiestiftung.ch
  • www.sses.ch
  • www.swissolar.ch
  • www.suisse-eole.ch
  • www.energie-atlas.ch

«Grüner» Strom: Einmal streng, einmal lasch

Der Name «naturemade» schmückt zwei Labels von unterschiedlicher Qualität:

- Star: Die Auszeichnung «naturemade star» gibts nur für Strom aus Biomasse, Solar- und Windenergie sowie aus Wasserkraftwerken, die besonders strengen ökologischen Auflagen genügen. Stromlieferanten sind verpflichtet, von ihrer «star»-Strommenge mindestens 2,5 Prozent aus Sonne, Wind oder Biomasse bereitzustellen.

- Basic: Das Label «naturemade basic» sagt nur aus, dass der Strom aus erneuerbaren Quellen - in der Praxis vorab Wasserkraft - stammt. Theoretisch dürfte sämtlicher Strom aus den bestehenden Wasserkraftwerken der Schweiz dieses Zertifikat tragen. Einzige Öko-Auflage: Die Elektrizitätsunternehmen müssen 5 Prozent ihres «basic»-Stroms in «star»-Qualität anbieten, davon mindestens die Hälfte aus Sonne, Wind oder Biomasse.

«Naturemade»-Strom können auch Unternehmen verkaufen, die daneben Atomstrom im Portefeuille haben. Die gesamte «naturemade»-zertifizierte Strommenge beläuft sich zurzeit auf zirka 4,4 Milliarden Kilowattstunden (6,7 Prozent der schweizerischen Stromproduktion); davon weisen rund 5,4 Prozent «star»-Qualität auf.

- Internet: www.naturemade.org

 

09. Mai 2001