Volk will Atomausstieg

Leuthard fördert Atomforschung mit 746 Mio!

Jahres-Budget 2'000'000'000 (2 Mia Fr.)

BERN Seit Bundesrätin Doris Leuthard im Sommer 2011 den Atomausstieg angekündigt hat, stehen die Zeichen im Land keineswegs auf Abkehr von der Kernenergie – im Gegenteil. Im Rahmen der vom Bundesrat angestossenen Energiewende organisiert die Forschungselite derzeit die langfristige Absicherung der umstrittenen Technologie in der Schweiz. So setzt sich der ETH-Rat in Bundesbern für die Einrichtung eines nationalen «Kompetenzzentrums für Nuklearenergieforschung» ein – obwohl beim Paul-Scherrer-Institut in Villigen AG bereits ein solcher Forschungsbereich mit einem Jahresbudget von rund 50 Millionen Franken existiert. Der SonntagsZeitung liegt ein Schreiben des ETH-Rats an das Staatssekretariat für Bildung und Forschung vom 20. August vor, in dem Ratspräsident Fritz Schiesser für eine solche Institution plädiert (s. Ausrisse). Am kommenden Dienstag will das Gremium in Bern die Öffentlichkeit informieren.

Auch wenn das Kompetenzzentrum nur eine von mehreren genannten Massnahmen ist, mutet ein neues Zentrum für Kernenergie anderthalb Jahre nach dem beschlossenen Atomausstieg sonderbar an. Gemäss Recherchen unterstützt die Forschergilde daher keineswegs unisono die Position des ETH-Rats. Insider monieren, dass etwa sozial- und umweltwissenschaftliche Bereiche beim Energieumbau zu kurz kommen. «Für den Abbau eines AKW braucht es keine weitere Forschung», sagt ein Professor, der nicht namentlich genannt werden will. Das Kompetenzzentrum diene nur der «Bündelung vorhandener Kräfte», erwidert ETH-Ratspräsident Schiesser im Interview.

Anlass der Offensive des ETHRats ist der Aktionsplan «Koordinierte Energieforschung Schweiz» – mit diesem Konzept will der Bundesrat den Schweizer Forschungs- und Entwicklungsstandort auf Leuthards «Energiestrategie 2050» einstellen. Insgesamt 202 Millionen Franken schiesst der Bund zu diesem Zweck für die Periode 2013 bis 2016 ein. Dazu kommen weitere 544 Millionen Franken Bundesmittel für die Energieforschung, die die Landesregierung im Rahmen der Botschaft für Bildung, Forschung und Energie («BFI-Botschaft 2012») bereits angekündigt hat.

In der Neuausrichtung des Schweizer Forschungsplatzes spielt der ETH-Rat eine Schlüsselrolle. Das elfköpfige Gremium kontrolliert die sechs vom Bund finanzierten Forschungsinstitute ETH Zürich, ETH Lausanne, das PaulScherrer-Institut (PSI), die Forschungsanstalt für Wald, Schnee und Landschaft (WSL), die Materialprüfstelle Empa und das Wasserforschungsinstitut Eawag. Der ETH-Rat, in dem auch die designierte Alpiq-Chefin Jasmin Staiblin sitzt, verwaltet somit ein jährliches Budget von rund 2 Milliarden Franken an öffentlichen Geldern.

Einmal mehr wird der Volks Wille mit Füssen getreten!